Vieles: 1.Angst, 2.Eltern(trennung)
Zuschrift von CrazyE, weiblich, 13 Jahre alt
1. Es ist so, ich habe im Mätlrz Klasse gewechselt wegen sozialen Problemen. Ich wurde sogar schon von einer Mitschülerin geschlagen. Das schlimmste: ich habe in der neuen Klasse Panick, Angst und Wutausbrüche.... ich kriege mich unter Kontrolle kann mich aber nochht konzentrieren sobald es Laut ist und mehr als 5 Personen in dem Raum sind. Und ich sehe täglich eine Faust vor meinwm Auge.
Was kann ich tun?
2. Gerade eben haben unsere Eltern gesagy das mmein Vater in seine beste Freundin verliebg ist. Sie auch ohn ihn, meine Mama ist aber seine Freundin aber halt wie nicht mehr Partnerin. Es ist schdeklich, weil sie zieht jetzt in das Gästeximmer. Ich habe Angst weil ich nicht mehr sprechen will,mich aber dazu zwinge und das es jetzt schlimmer wird. Ich brauche einfach HILFE!!!
Antwort vom kummerhilfe.net-Team
Liebe CrazyE,
deinen Zeilen ist anzumerken, dass der Druck der Gefühle gerade sehr, sehr stark ist. Und vermutlich ist es auch kein Zufall, dass du genau dieses Pseudonym gewählt hast. Ja, in der Tat – ich verstehe dich sehr gut: Manchmal kann man sich wirklich wie "verrückt" fühlen, wenn so viel passiert, vor dem man sich gefürchtet hat. Oder mit dem man nie gerechnet hätte. Ich hoffe sehr, dass in diesen Tagen etwas Ruhe und freie Atemluft ihren Weg zu dir finden.
Ich habe den Eindruck, dass die familiäre Situation – begreiflicherweise! – eine große Überforderung für dich darstellt. Und ich finde es, ehrlich gesagt, ziemlich unsensibel von deinen Eltern, eine solche "Lösung" zu schaffen, obwohl du dich zurzeit in einem verletzlichen Zustand befindest. Ich nehme an, dass ihnen selbst bewusst ist, dass ein Einzug der Freundin deines Vaters keine Probleme löst. Für deine Mutter muss es gerade sehr hart sein, dass der Mann, den sie liebt – oder wenigstens lange geliebt hat – ihr eine Andere vorzieht. Und dazu noch jemanden, die, wie ich vermute, deine Eltern schon lange kennen und der deine Mutter vertraut hat. Mit der dein Vater sich, wohl mit ihrem vollen Einverständnis, viele Male getroffen hat. Nur damit das jetzt zur Folge hat, dass sie herabgesetzt wird und zwar noch mit ihm unter einem Dach wohnt, aber nicht mehr als Partnerin. Offen gesagt: Ich finde es seltsam und auch irgendwie schwach, dass man das so regelt. Aber das wird seine Gründe haben. Vielleicht hat es viel mit Geld zu tun. Vielleicht hoffen deine Eltern auch, durch diese "Regelung" ihre Beziehung langfristig retten zu können. Ich weiß es nicht. Jedenfalls hast du das Recht, offen zu sagen, dass du dich dadurch unwohl und bedroht fühlst und dass du es nicht richtig findest, das die Bedürfnisse deines Vaters so über deine (und die deiner Mutter) gestellt werden. Dass dir da aber die Worte fehlen, du am liebsten nicht mehr sprechen möchtest, weil alles so bedrängend und unfassbar ist, kann man gut nachvollziehen.
Zu lesen, dass durch den Klassenwechsel die unmittelbare Bedrohung erst einmal etwas abgerückt ist, erleichtert mich. Aber "abgerückt" heißt ja nun nicht "abwesend" oder "für immer weg". Zum Einen ist die Person wohl noch immer täglich in deiner Nähe, ob du sie siehst oder nicht, und zum Anderen wirkt die Gewalt in deinem Herzen und Kopf noch nach. Das ist sehr verständlich und auch etwas, das dir zeigt, dass du gegen das erlittene Unrecht kämpfst und es nicht einfach in eine Schublade stecken magst. Dabei scheinst du aber noch immer auf der Hut zu sein: Nur nicht auffallen, nicht zu weit vorwagen, um nicht erneut in Gefahr zu geraten. Diese Reaktionen sind durchaus normal, haben ihren einleuchtenden Hintergrund, und du solltest nicht gezwungen werden, sie zu verdrängen. Ich denke, es empfiehlt sich, Schutzräume für dich zu schaffen. Dazu könnte gehören, dass du – oder deine Eltern – das Gespräch mit der Schule suchst, um sicherzustellen, dass du dich bei Bedarf irgendwohin zurückziehen kannst. Vielleicht in ein anderes, leeres Klassenzimmer, vielleicht in einen Raum, der auf dich beruhigend wirkt oder mit dem du etwas Positives verbindest. Oder dass du ein paar Minuten im Freien zubringst, bis Sonne und frische Luft den Druck gemildert haben. Signale könnten vereinbart werden, mit denen du diesen Bedarf anzeigst, ohne jedesmal ausdrücklich danach fragen zu müssen. Vielleicht wäre aber langfristig auch ein Schulwechsel die bessere Option. Denn du hast ein Recht darauf, dich sicher zu fühlen, und wenn du das in der (direkten oder indirekten) Nähe deiner Peinigerin nicht kannst, ist das nichts, wofür du dich schämen musst. Doch ob das übertrieben oder sogar das Gegenteil von dem wäre, was du willst und brauchst, kannst du nur selbst entscheiden. Es ist auch gut möglich, dass der entscheidende Punkt die Zeit ist: Jede Bewältigung kostet Zeit, und diese Zeit sollte dir gegeben werden. Daher sollte es Menschen geben, die dir unvoreingenommen zuhören und in deren Nähe du dich wohl fühlst. Und die dir das Gefühl vermitteln, dass du willkommen, gewollt und sicher bist. Eine Idee wäre ein neues, vielleicht sportliches oder kreatives, Hobby, das dich mit Menschen zusammenbringt, mit denen du neue Freundschaften knüpfen kannst und die dich nicht bedrängen. Das dir die Gelegenheit verschafft, in einer kleineren Gruppe Luft zu schöpfen und deine Wut und deinen Frust auszudrücken, wo du aber nicht an das erlebte Schlimme erinnert wirst. Es mag sein, dass du dir das im Moment gar nicht vorstellen kannst und einfach nur raus willst. Dafür würde ich dazu raten, dass du zusammen mit einer Lehrerin, deinen Eltern und vielleicht mit Freunden überlegst, wie man die Situation zuhause für dich entschärfen könnte: Gibt es jemanden in deiner Verwandtschaft oder im Freundeskreis, bei dem / denen du – natürlich mit dem Einverständnis deiner Eltern – eine Zeit lang wohnen könntest, bis sich zeigt, ob das Konzept deiner Eltern sich bewährt und bis deine Prozesse etwas fortgeschrittener sind? Ich kann nicht wirklich einschätzen, wie heftig es um dich steht, aber deine Zeilen lesen sich für mich sehr dringend und auch verzweifelt. Deswegen mag es auch sein, dass dir eine Zeit in einer Klinik gut tun könnte. Das soll nicht etwa heißen, dass du als krank oder gefährlich oder unfähig abgestempelt werden sollst. Ein solcher Aufenthalt dient dazu, dass du dich sammeln und nach Möglichkeiten suchen kannst, wie sich deine Gedanken und Gefühle im Alltag besser regulieren lassen. Und mit Menschen zusammentriffst, die dir dazu Rat und Hilfe bieten können. Überhaupt – ich denke, es wäre sinnvoll, wenn ihr nach einer Therapiemöglichkeit sucht. Und diese, das sage ich offen, sollte vielleicht auch deine Eltern einbeziehen. Immerhin tragen sie durch ihr Verhalten dazu bei, dass du dich noch ungeschützter fühlst, als es sowieso schon der Fall ist. Auch wenn ich niemanden angreifen oder beschuldigen möchte, eines ist klar: Deine Eltern haben in erster Linie eine Verantwortung dir gegenüber und dafür, dass es dir gut geht und du dich geborgen fühlen kannst. Ihre persönlichen Bedürfnisse – darunter die Liebe – sollen nicht ignoriert werden, aber auch nicht auf deine Kosten ausgelebt. Hab daher keine Scheu, auszusprechen, was dich bewegt, und um die Hilfe zu bitten, die du dir mit Recht wünschst. Wenn es auf dem Weg des gesprochenen Wortes nicht geht, wird dir sicher niemand übelnehmen, wenn du lieber schreibst. Ich kann aus deinem Text nur die oberste Schicht von etwas einsehen, das sicher groß und intensiv ist. Es steht dir zu, das zu fühlen. Du bist in einer wichtigen Phase in deinem Leben, und niemand sollte dich zwingen, deine Persönlichkeit und Fähigkeiten zu unterdrücken – und niemand hat das Recht, deine Probleme als klein oder lächerlich darzustellen. Lass dir nicht einreden, dass du nicht fühlen darfst, was du fühlst. Es ist begründet, und es ist in Ordnung. Und vor allem: Es gibt immer einen Weg aus dem Dunkel, auch wenn es noch so riesig und undurchdringlich erscheint. Versuche, dir im Alltag Rituale zu schaffen, die dich beruhigen und dir ein angenehmes Gefühl geben: Das kann ein abendliches Bad sein, ein Spaziergang nach der Schule, oder dieser eine, ganz bestimmte Song morgens in der Straßenbahn. Feste Bräuche und Gewohnheiten helfen, Kontrolle zu empfinden und die Beziehung zu sich selbst zu stärken. Und du hast die Möglichkeit, das Zur-Ruhe-Kommen deines Körpers mehr zu steuern. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, wenn man dem Frust und dem Ärger, die man in sich trägt, eine (produktive) Ausdrucksmöglichkeit verschafft: Versuch, diese nicht gegen dich selbst zu richten, sondern in etwas zu leiten, das einen Nutzen hat. Zum Beispiel in ein Bild, ein Gedicht, eine Runde Joggen im Park… – oder, wenn es gar nicht anders geht: Lieber einen Stift zerbrechen oder eine Zeitung zerpflücken oder dein Kissen quälen, als dich selbst. Denn du verdienst Aufbau, nicht Beeinträchtigung. Überlege dir auch gut, ob Social Media dir gerade von Nutzen ist oder ob es deine Nervosität und den inneren Druck mehr steigert. Es kann dem seelischen Frieden auch helfen, wenn man nicht zu oft reinschaut oder bewusst mal ein paar Tage Abstand hält – und, wenn überhaupt, nur wichtigen und werten Menschen antwortet. Die vielen Bilder und Informationen, die schnell und gnadenlos auf einen einprasseln, können das Gehirn überfordern und dazu beitragen, dass man sich gereizt und hilflos fühlt. Denk generell darüber nach, welche Dinge in deinem Leben dich wirklich nähren und stärken, und wodurch du eher instabiler, ängstlicher und bedrückter wirst. Das mag seine Zeit dauern, aber oft sind es kleine Veränderungen, die einen Unterschied machen.
Was du geschrieben hast, vermittelt einen ersten Eindruck davon, dass du ein nachdenklicher und einfühlsamer Mensch bist, dem die Bedürfnisse Anderer nicht gleichgültig sind und der sich darum sorgt, wie das Zusammenleben mit Anderen gelingen kann. Das sind gute Eigenschaften, die dir viel nützen können. Zurzeit aber darfst du dir gestatten, vor allem an dich zu denken, fest aufzutreten und auszudrücken, was in dir vorgeht. Du bist jung, und du hast noch so viel vor dir. Es gibt noch so viel in dieser Welt, was auf dich wartet und was du sein und tun kannst. Hab den Mut, zu träumen und zu hoffen, und lass dir deine Träume und Hoffnungen nicht nehmen. Wer weiß: Vielleicht dauert es gar nicht so lange, bis du dich sehr erleichtert fühlst und um dich herum wieder viel mehr Wärme und Vertrauen wahrnimmst. Entscheidend ist: Lass dir nicht sagen, dass du es aushalten musst. Gewöhne dich nicht ans Ertragen und Verdrängen, sondern sag dir immer wieder, dass dir Sicherheit und positives Gefühl zustehen. Dass du um Aufmerksamkeit und um Respekt für deine Bedürfnisse nicht betteln musst und dass es Menschen gibt, von denen du etwas erwarten darfst. Ich bin sicher: Die Welt wird von dir hören. Du wirst etwas Tolles aus dir machen und das, was dich bedrückt, in Stärke verwandeln. Ich schicke dir viele gute Wünsche, vor allem aber: Kraft und das Wissen, dass alles sich ordnen wird. Die Welt wartet auf dich. Lass sie dir nicht wegnehmen.
Herzliche Grüße und einen Sommer, der deinen Blick hebt und dein Herz kräftigt!
Paul
