Selbstverletzendes Verhalten und Familie

Zuschrift von Toto, weiblich, 13 Jahre alt


Mir geht es nicht gut mental und meine Eltern beleidigen mich nur und ich fühle mich zuhause nicht mehr wohl


Antwort vom kummerhilfe.net-Team


Liebe Toto,


vielen Dank für das Vertrauen, dich an uns zu wenden.


Weißt du – mit Gefühlen ist es so: Sie lügen nicht. Ein Gefühl ist immer echt, und was es aussagt,
das muss man immer ernst nehmen. Egal, ob es sich um Liebe oder Hass handelt, Wut oder Begeisterung, Freude oder Unwohlsein. Dass du dein Gefühl in Worte gefasst hast, wenn auch nur knapp, ist ein erster Schritt zu einem Lösungsweg. Und dass dieses Gefühl da ist, das solltest du dir von niemandem ausreden lassen. Schon weniger leicht zu entscheiden ist für mich als Außenstehenden, wie die Situation bei dir zuhause sich für mich anfühlen würde, wenn ich euch besuchen würde. Vielleicht würde ich gar nichts davon merken, dass zwischen dir und deinen Eltern offenbar viele Konflikte bestehen. Vielleicht würde ich das aber auch sehr schnell erkennen.


Bleibt noch die Frage: Wie ist das so, wenn man 13 ist? Du bist ein junges Mädchen, hast sicher viele Träume, Wünsche und Hoffnungen. Denkst viel darüber nach, wie dein zukünftiges Leben aussehen wird. Und entwickelst mehr und mehr eigene Ideen, was dir gut tut und wie du deine Zeit verbringen möchtest. Was sich für dich lohnt und was nicht. Oft haben Eltern andere Vorstellungen davon, wie ihr Kind seine Zeit verbringen sollte, welche Freundinnen oder Freunde es haben sollte, welchen Beruf es einmal ergreifen soll… es gibt unzählige Punkte, an denen ein Konflikt sich entzünden kann. Auch ein Konflikt mit Schimpfen und Schreien. Konflikte sind menschlich. Du hast nicht viel darüber erzählt, wer du bist und was du konkret erlebst. Aber da ist das Wörtchen "nur" – es scheint zu bedeuten, dass bei euch Konflikt und Streit nicht ab und zu mal vorkommt, sondern der Normalzustand geworden ist. Und dann ist da noch eine andere kleine Formulierung, nämlich "nicht mehr". Was ja bedeuten muss: Du hast dich in deinem Zuhause mal viel besser gefühlt, als es jetzt der Fall ist. Irgendetwas hat sich verändert. Was mag das sein? Ich kann es nur vermuten. Vielleicht ist mit der Pubertät deine Lebensfreude und Abenteuerlust stark erwacht, und deine Eltern haben Schwierigkeiten, das zu respektieren, wollen dich mit harten Worten zur Disziplin bringen. Vielleicht sagen sie dabei Manches, von dem ihnen gar nicht bewusst ist, wie verletzend und abwertend es ist. Vielleicht gibt es auch ein Problem, das überhaupt nicht in Zusammenhang mit dir steht. Mag sein, dass ein Elternteil von dir seine Arbeit verloren hat – oder auf seiner Arbeit unglücklich ist – und den dadurch entstandenen Frust zuhause auslässt. Mag sein, dass deine Eltern nicht wissen, ob ihre Beziehung noch haltbar ist, dass sie lieber dich beleidigen, wo sie eigentlich miteinander Streit haben müssten. Mag auch sein, dass deine Eltern einfach unsensible und schwierige Persönlichkeiten sind, die wenig Sinn dafür haben, ein Gespräch mit Respekt und Einfühlsamkeit zu führen. Und dass dir das jetzt immer mehr auffällt, weil du älter wirst, deine eigene Meinung entwickelst und deine Bedürfnisse sich verändern. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie es sein könnte – und ich habe das Problem, dass ich nicht richtig weiß, um was es sich handelt. Ich kann nur vermuten. Aber überlegen wir ganz konkret: Was kannst du tun?


Da wäre zunächst einmal, eine dritte Person hinzuzuziehen. Vielleicht gibt es in deiner Verwandtschaft oder im Freundeskreis deiner Eltern jemanden, dem du vertraust, der über die Probleme im Bilde ist und in der Lage wäre, ihnen deine Bedürfnisse deutlich zu machen. Vielleicht ist es auch die Mutter oder der Vater einer Freundin, ein Trainer, eine Nachbarin. Manchmal ist das Wort eines Unbeteiligten, den man schon länger kennt und dem man vertraut, leichter anzunehmen als der Protest der Person, um die es doch eigentlich geht. Niemand ist gerne Täter, auch deine Eltern nicht. Und vielleicht könnte es durch das Einschalten eines Dritten – oder einer Dritten – gelingen, dass ihr einen Kompromiss findet und deine Eltern mehr Verständnis für dich aufbringen. Wenn es niemanden im Umfeld gibt, dem du genug vertraust, auch keinen Lehrer / Lehrerin, Beratungslehrer oder Schulpsychologen, steht dir immer noch der Weg zu einer Beratungsstelle offen. Städte, Regierungen von Ländern und Bund, aber auch verschiedene Organisationen bieten die Möglichkeit, einen Termin zu vereinbaren und deine Situation zu schildern. So könnt ihr gemeinsam überlegen, was weiter zu tun ist. Nur du selbst kannst wissen, ob du deine Situation für so unhaltbar ansiehst, dass du einfach nur noch weg willst; und ich kann nicht entscheiden, ob du vielleicht sehr triftige Gründe hast, dich vor der nächsten Nacht zuhause zu fürchten. Dann wird niemand dir einen Vorwurf daraus machen, wenn du dich an das Jugendamt wendest. Bis du achtzehn bist, haben deine Eltern zwar das Sorgerecht für dich, doch kann es ja sein, dass sie selbst einsehen, dass sie im Moment ihrer Verantwortung nicht wirklich gerecht werden können (falls das so ist). In diesem Fall gibt
es Möglichkeiten für eine Übergangslösung. Ob das für dich in Frage kommt, kann ich dir nicht sagen. Ich kann dir aber raten: Nimm dein Gefühl ernst und wäge ab, wie schlimm es ist und wie heikel du die Verhältnisse in deinem Heim siehst. Sind sie so außer Kontrolle, dass du dir vorstellen könntest, eine Zeit lang in einer Einrichtung außerhalb zu leben? Oder möchtest du eigentlich nur, dass alles wieder so wird wie früher? Dass deine Eltern ihre Probleme, was immer sie sein mögen, in den Griff bekommen? Dass deine Bedürfnisse und deine Privatsphäre respektiert werden? Ich bin bis jetzt auf Stichworte angewiesen, liebe Toto – aber jemand, der dafür ausgebildet ist und dessen Aufgabe es ist, Jugendlichen ganz konkrete Unterstützung zu bereiten, wird dir diese und andere Fragen stellen. Deshalb ist es wichtig, dass du für dich überlegst, wie deine Antworten lauten würden.


Davon abgesehen lässt sich auch Einiges tun, um Konflikte nicht eskalieren zu lassen und sich in eine positive Stimmung zu bringen. Gerade jetzt in der warmen Jahreszeit bietet es sich an, die Sonne auszukosten, Sport unter freiem Himmel zu treiben und die Natur zu suchen. Das ist dann vielleicht nicht nur eine gute Kraftquelle für dich, sondern auch etwas, das deinen Eltern Sicherheit gibt und dich mit Entspannung und Konzentration beschenkt. Du bist jung und dabei, eine großartige Persönlichkeit zu entdecken, die sicher in dir steckt und noch Vieles leisten wird. Trau dich, deine Fühler auszustrecken, deine Kreativität auszubilden, neue Hobbys auszutesten… all das kann dich nicht nur stärken, sondern dich auch mit neuen Menschen in Kontakt bringen, die dir Halt bieten. Und die Schule?, wirst du vielleicht fragen. Nun… ohne die Schule, wie wir sie kennen, hätte die Menschheit vielleicht weniger Probleme. Es ist aber nun einmal so, dass der schulische Erfolg in vielem darüber entscheidet, welche Wege dir später offen stehen – oder zumindest, wie einfach sie für dich werden. Deshalb solltest du dir selbst den Gefallen tun, sie nicht nur als etwas Lästiges zu betrachten. Es mag ja sein, dass gerade das Ausprobieren einer neuen AG oder auch ein Wechsel der Klasse / des Zuges in deiner Schule viel Druck aus deinem Zuhause nehmen würden. Ich weiß es nicht, liebe Toto, aber: Ich möchte dich ermuntern, viel darüber nachzudenken und herauszufinden, was genau dir gut tun würde. Und wo du Möglichkeiten siehst, in deinem eigenen Leben etwas zum Guten zu verändern. Deine Eltern haben ihre Jugend, zumindest sehr wahrscheinlich, schon hinter sich; es ist
für sie schwerer, ihre Verhaltensmuster zu ändern. Dir aber steht noch vieles offen, um das sie dich womöglich sogar beneiden. Lass dir vor allem nie einreden, dass deine Träume ganz und gar schlecht oder lächerlich wären. Entscheidend ist, dass du bereit bist, für etwas zu handeln, zu arbeiten und zu kämpfen, das dich begeistert. In manchen Familien werden die Eltern leider nie verstehen, welches Potenzial in ihren Kindern steckt. Ich kenne dich nicht, aber ich kenne Familien, in denen es so ist. Daher: Auch wenn, so blöd das ist, Eltern manchmal – gar nicht mal selten – mit ihrer Kritik auch Recht haben, sie liegen auch oft daneben. Trau dir zu, dich selbst für bedeutend zu halten, und vergiss nie, wie viel du der Welt noch geben kannst. Dann wirst du gestärkt aus dem hervorgehen, was dich jetzt bedrückt. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute dazu!


Beste Grüße,
Paul