Essstörung
Zuschrift von Luna, weiblich, 14 Jahre alt
Ich habe eine dolle Essstörung und alle hier bei mir können mir nicht helfen und haben keine Idee was wir machen sollen.
Antwort vom kummerhilfe.net-Team
Liebe Luna,
mit einer Essstörung umzugehen, ist nicht einfach, und ich kann verstehen, dass du und dein Umfeld ein wenig ratlos seid. Ich denke aber, dass es gelingen kann, das Problem in den Griff zu bekommen – dass du Menschen um dich hast, die grundsätzlich hilfsbereit sind und dich unterstützen, ist ja schon einmal viel wert. Wichtig ist aber auch: Es handelt sich nicht um etwas, das man zu leicht nehmen sollte. Essstörungen können sich sehr bedrohlich entwickeln (wenn sie es auch nicht müssen), und wenn ihr wirklich nicht mehr weiter wisst, sollte überlegt werden, ob eine Zeit in einer Klinik sinnvoll wäre. Dort würdest du professionelle Hilfe und einen Schutzraum finden, in dem du durchatmen und langsam wieder zu einem "normalen" Essverhalten zurückfinden kannst.
Viel hängt auch davon ab, um was für eine Essstörung es sich handelt: Es gibt Menschen, bei denen in erster Linie das Hungern, die verzweifelte Sehnsucht nach einem vermeintlich schöneren Körper, im Mittelpunkt steht. Wieder andere fallen zwischen Hungern und Über-Essen hin und her, womöglich sogar verbunden mit Handlungen der Selbstbestrafung. Der Formen sind unterschiedliche, und entscheidend ist, dass du und dein Umfeld euch bewusst macht, womit ihr es zu tun habt, und euch belest. Dabei solltet ihr euch an seriöse Informationen halten und nicht unbedingt nur an soziale Medien oder Communitys, in denen sich nicht nachvollziehen lässt, woher die Informationen kommen. Gebt vor allem nichts auf abfällige Kommentare oder selbstgerechte Ausführungen: Eine Essstörung ist ein ernsthafter Fall einer seelischen Krankheit, die sich niemand aussucht und die sich nicht einfach beiseite legen lässt. Es ist wichtig, sich mit ihr auseinanderzusetzen, und der Bewältigung Raum zu geben. Mag sein, dass das auch ein Teil des Problems in eurer Situation ist: Manchmal erwarten Menschen, die es an sich gut meinen, dass nach einiger Hilfe, ein paar Ruhetagen und wohlmeinenden Worten das Problem sich schon wieder lösen werde. Aber im Fall einer Essstörung, wie auch bei anderen seelisch bedingten Erkrankungen, liegen die Ursachen oft tiefer. Und es braucht Zeit, bis sie aufgespürt, erkundet und bearbeitet sind. Dann wird die Essstörung auch besiegt werden. Doch ist es von großer Wichtigkeit, so lange dem Körper das zu geben, was er braucht. Es ist nun einmal so: Der Mensch kann zwar, das ist unsere Veranlagung, Phasen des Hungers recht gut aushalten. Aber gerade für junge Menschen, die noch im Wachstum sind, ist absichtsvolles und langes Hungern sehr gefährlich. Vielleicht erscheint es dir so, als hättest du den Genuss beim Essen gar nicht verdient, als könntest du dich nie genug beschränken. Vielleicht fällt es dir gerade schwer – oder ist sogar überhaupt nicht möglich – deinen Körper mit wohlmeinenden Augen zu sehen. Das alles ist nichts, womit du allein wärst oder das du nur mit dir selbst ausmachen müsstest. Wie gesagt, Luna: Manchmal schaffen es auch die besten Absichten nicht ohne professionellen Beistand, genau wie bei körperlichen Krankheiten. Dann solltet ihr euch nach einer Möglichkeit umsehen, wie du stationär aufgenommen werden kannst.
Bis dahin mag es hilfreich sein, das Thema Essen sehr bewusst anzugehen. Vielleicht ist es einfacher für dich, genug zu essen, wenn jemand dir ein Essen zubereitet, das du wirklich magst, und bei dir sitzen bleibt? Versucht, sicherzustellen, dass du deinen Kampf nicht allein kämpfen musst. Dass Menschen bei dir sind, mit denen du dich sicher fühlst, und die dich nicht verurteilen. Auch dann nicht, wenn jeder Bissen ein Kampf ist. Verabrede mit deiner Familie oder mit Freundinnen, dass ihr euch abends ganz bewusst zusammensetzt, soweit es möglich ist, und dass dich einerseits niemand drängt, aber du andererseits auch einen ernsten Versuch unternimmst. Sicher wäre es auch gut, wenn du dich, falls du anderswo bist, nicht erklären musst, sondern jemand das mit geeigneten Worten für dich tut. Und dass allgemein alle sich im Klaren sind: Es ist eine Krankheit. Nichts, was du gewählt hast, nicht, was sich mit dem Einnehmen einer Tablette vor dem Einschlafen kurieren lassen würde. Denk immer daran: Die Essstörung ist Ausdruck deiner Auseinandersetzung mit dir selbst, sie zeigt den gedankenvollen, bedachten und fühlen den Menschen. Sie sagt nichts darüber aus, wie stark oder wie klug du wärst. Sondern es handelt sich um einen schwierigen Abschnitt deines Lebens, den du mit Umsicht, Mut und Unterstützung gut bestehen kannst. Das Problem wird besiegt werden, da bin ich sicher.
Eines darfst du nicht vergessen, Luna: Du bist nicht allein. Viele Menschen durchlaufen solche Phasen. Sie sind kein Zeichen von Schwäche. Und das wirst du auch bemerken können, wenn du dich mit anderen Betroffenen austauschst: Viele Leute, die viel leisten und können, leiden trotzdem darunter. Ich wünsche dir, dass du sehen kannst, wie viel du leistest und kannst – und da ist sicher viel. Und dass du Menschen um dich hast, die es dich spüren lassen.
Liebe Grüße,
Paul
